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Geschichten

Graue Fäden ziehen über's Land

Ein Tropfen nach dem anderen, hunderte an der Zahl finden den Weg von dunkelschwarzen Wolkenmassen durch luftige Strassen hinab auf den Lehmboden. Normalerweise ziehen die verschiedenartigsten Gefieder über diese Strassen der Winde. Jetzt sind sie leer. Durchzogen von einem Schleier.

Die nächste Garnison Regentropfen wartet bereits in Schwindel erregenden Höhen auf den Einsatzbefehl, während schon wieder tausende Einheiten auf dem Weg nach unten sind.

Langsam verdichten sich die Moleküle aufgrund der Erwärmung zu kleinen Gebilden. Sacht löst sich eines davon aus der riesigen Wasserwolke heraus. Es ist ein zäher Prozess, ein Ringen zwischen Erde und Himmel um einen Tropfen Wasser. Der Tropfen stöhnt, schreit förmlich die Qualen heraus, die ihm die mächtigen Kräfte bereiten. Die Wolke kämpft um ihre Existenz. Und die Erde bettelt, sie ist durstig, streckt sich nach der Frucht, die am Himmel steht. Wochen der Dürre endlich überstanden, wenn der eine Tropfen losgelöst. Wenn...

Zuerst wehrt er sich, hält sich an der Wolke. Er klammert sich förmlich fest, da er merkt, wie die Erde beginnt an ihm zu zerren. Wimmernd vor Angst beginnt er zu begreifen, was mit ihm geschehen soll. Die Tiefe tut sich behäbig vor ihm auf, schwarze Tiefe. Plötzlich erhellt ein Blitz die Szenerie, als die Erde den Tropfen ächzend mit festem Griff umschließt. Die Wolke versucht zu flüchten, legt sich in den aufkommenden Wind. Und während der Wind zunimmt, und der Griff der Erde um den Tropfen immer fester wird, schreit der Tropfen, er schreit, aus der Tiefe der Ozeane, die dieser Tropfen schon bereist hat, formt einen tosenden Schrei, den gesamten Weltschmerz auf sich selbst, den Tropfen, vereinigend. Der Donner rollt über das Land.

Doch die Anziehungskraft der Erde ist siegreich, schafft es die Wolke auszuquetschen, etwas Flüssigkeit dem Gas zu entziehen.

Und der Tropfen? Ist ihm bewusst, dass er gerade zu Regen wird? Er beginnt zu fallen, zu fallen so tief, gemeinsam mit anderen, vom gleichen Schicksal getroffenen, hernieder, immer schneller, vorbei an Tragflächen aus Metall, durch ewige Luftmassen im faden Licht wie Sterne funkelnd hinab in den randlosen Abgrund. Eine Ewigkeit. Andere Ebenbilder bleiben auf der Strecke. Aufgefangen, von tiefer liegenden Wolkengebirgen werden sie wieder zu Gas; an Bullaugen von Luftschiffen klatschend, sich vermengend mit Kerosin-Massen.

Unser Freund aber fällt noch, immer weiter, bemerkt im Fallen gar nicht den schönen alten Kirchturm im Städtchen, stattdessen fällt er ins Gebüsch.

Inzwischen hat sich eine Pfütze auf dem Lehmboden gebildet. Ein weiterer Tropfen beendet hier seine Reise. Ohne seine Geschwindigkeit zu verringern, wie man das ja bei modernen Flugobjekten kurz vor der Landung gewohnt ist, klatscht er auf die Oberfläche unseres Mini-Sees. Der See wird zum Ungeheuer. Die hereinbrechende Gewalt teilt sich in Stücke, die hoch in die Luft geworfen werden, bevor sie den Wendepunkt ihrer Flugbahn erreichen und weit entfernt vom Ausgangspunkt wieder ins eigene Element geholt werden. Zeitlich parallel bilden sich hohe Wellen vom Einschlagspunkt heraus, die erst eine Unruhe stiften, um dann in konzentrischen Kreisen langsam abzuebben.

Der Tropfen hat sich mittlerweile von seinen Leiden erholt. Er hängt an einem Rosenblatt und erfreut sich an der Schönheit des blauen Himmels, der zum Vorschein kommt. Das Gewitter ist vorbei.

Plötzlich lugt die Sonne hinter den Wolken hervor und beginnt ihre Strahlen auf die Erde zu schießen. Entsetzt versucht der Tropfen Reißaus zu nehmen, er windet sich an seinem Rosenblatt. Da wird er von einem Sonnenstrahl erfasst. Kraftlos ergibt er sich. Er schwindet, wird kleiner, verliert an Konsistenz. Ein letzter Gruß an die Rose, der er gerne Kraft gespendet hätte, mit letzter Macht. Er bricht das Licht. Und in den kräftigsten Farben erscheint, nur aus der Ferne sichtbar, ein Regenbogen. Die Rose bemerkt dies alles nicht. Auch Kläusel würde wohl vor Freude durch die Gegend hüpfen, wenn er wüsste, dass ihm der Weg zu einem Goldtopf gewiesen wird. Stattdessen beobachtet er ruhig, wie sich der Tropfen auflöst und spricht in Gedanken ein Gebet, ohne zu wissen warum, ohne es je zuvor gehört zu haben.

Niemals werdet Ihr ruhen,
Ihr wäret immer auf neuen Wegen durch die Welt,
da Euch die Wege gewiesen sind,
auch wenn Ihr dieselben nie ergründen würdet.

Niemals werdet Ihr ruhen,
ob auch Körper und Geist verschiedne Wege gehen,
da Wege enden.

Niemals werdet Ihr ruhen,
da Ihr selben Euch die Ruhe nehmen werdet.

Niemals werdet Ihr ruhen.

Niemals.

Kläusel wusste. Kläusel verstand. Er wusste ohne zu verstehen und er verstand ohne zu wissen. Er drückte die Augenlider nieder und weinte eine Träne. Kläusel riss den Ball aus dem Gebüsch und lief vorbei an den anderen, die immer noch unterm Vordach der Sporthalle besseres Wetter abwarteten. Nach Hause.

Helles Licht strich übers Land, damals...

 
 




 

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